EniacNomoi

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Eine seynsgeschichtliche Durchführung der poetischen Weisen des ersten Computers nach Klang, Tanz und Synthetischer Skulptur

Martin Carlé (Humboldt-Universität zu Berlin), Joulia Strauss

Das Projekt ENIAC NOMOI führt am realen doch bislang der Menschheit nicht vergönnten Sound der sich nach Rhythmus, Frequenz und Melodie unterscheidenden mathematischen Operationen des historisch ersten Computers (ENIAC) den Nachweis, wie sehr sich die zeitkritische Existenz der unser Dasein heute bestimmenden Computersimulationen nach Wesen, Dramaturgie, und hoher Kunst dem antiken Griechenland verdankt. Diese kulturgeschichtliche Tiefenperspektive öffnet sich erst an den Strukturen des Wissens und den jeweiligen technischen Gesetzmäßigkeiten (NOMOI) ihrer Hervorbringung, die unsere Choreographie entsprechend historischer Diagramme in drei Akten re-inszeniert, im Klang als Programm ausführt und uns damit Einblick in die Geschichtlichkeit des Seins gewährt. So an den musikalischen Weisen (NOMOI) des ENIAC in den Bereich des uns Angehenden gerufen, erfahren wir im verdeutlichenden Umfeld synthetischer Skulptur zunächst die gemeinsame Ursprünglichkeit des Menschen gleich der Poesie aus dem Wesen der Technologie als auch deren Eskalation in die seit jeher tabuisierten Bezirke des Lebendigen und der göttlichen Natur. Schauend an den Grund der Evolution des Seins suchen wir den Fluchtpunkt dennoch nicht rückwärtig gewandt wie all zu oft geschehen, etwa in der Sprache und ihrer angeblichen Vergessenheit der griechischen Identität von Kunst und Handwerk im Begriff techné, vielmehr muss unser Denken endlich beginnen die zunehmende Aufgehobenheit der Differenz von Kunst und Natur grundsätzlicher aus der prozessualen Verschränkung des Symbolischen mit der Zeit zu verstehen:

Wie mit informatischen Mitteln die akustische Archäologie an der Humboldt-Universität zu Berlin erst kürzlich entdeckt hat, entsprechen die mimetischen Weisen sich grundsätzlich in der Zeit vollziehenden Simulationsprozesse nach Taktung, Koordination und Synchronisation exakt den ebenfalls streng zeitbasierten Mitteln des griechischen Dramas von Rhythmus, Tanz und Gesang. Auffällig wurde insbesondere, dass die Überlieferung der Poetik im griechischen Original des Aristoteles das synthetische Verfahren, eben die Art und Weise des performativen Ablaufs der Tragödie als den kulturellen Höhepunkt der poetischen Technik schlechthin feiert und in dezidiert maschinellen Begriffen der zwangsläufigen Fügung (anankaion), des unausweichlichen Handlungszusammenhangs (mythos) und der medialen Notwendigkeit zu vollziehender Nachahmungen (mimesis) beschreibt. Über die Sinnstiftung im Ritual und der Geborgenheit im Tanz hinaus diente die gesetzlich verordnete Teilhabe am religiösen Fest der weiterentwickelten Tragodie explizit der Herstellung eines allgemeinen Wissen, das jenseits des Geschicks einzelner Rollen im zeitlich gehaltenen Gang durch das Tragische statt im Tod des Opfers Einsicht in das Sein des Menschen gab.

Eben so fallen am Sound des ENIAC Zahlen wie Teilnehmer und Algorithmen wie Rollen in die Zeit. Aus diesem gemeinsamen Grund des Seins gelingt Mimesis, die wesentliche Analogie von Wissen und Welt jenseits von Metapher und Gestell. Mimesis als Simulation im Unterschied zur Mimesis als Drama aber läuft in Wissen und Handlungszusammenhang potentiell der Zeit voran. Deshalb befinden wir uns seitdem es »Computer« gibt in einer neuen Epoché des Seyns. Denn Simulationstechnologien heben in der Vorwegnahme des Kommenden ob schon nicht die Kausalität, dafür jedoch die Unterscheidbarkeit von Natur, Kunst und Poesie um so systematischer und nachhaltiger auf.

Wissenschaftshistorisch betrachtet, bestechen die Weisen (NOMOI) des Computers also mit der Katharsis des Symbolischen, das heißt der Wende ins Offene der Prozessualität wie sie, uns bald hörbar im Sound, der algebraischen Geschlossenheit symbolischer Mathematik zugefügt worden ist. Kulturgeschichtlich kehrt damit am platonischen Abgesang der ehemals reinen Mathematik in Rhythmus, Melos und Harmonie rechnender Zahlen poetisch wieder, was einst zur Sphärenharmonie verbannt: wie nämlich durch die analytische Fügung antiker enharmonischer Weisen (NOMOI) in den mathematischen Code der altgriechischen Musiknotation die Systematik unserer Wissenschaftlichkeit als synthetische Technologie zur Programmierung der Tragödie allererst entstand.

Das konkrete Material unseres Projektes, die zeitgenössische Relevanz, das Tragische, aber auch die seinsgeschichtliche Poesie der NOMOI des ENIAC bestehen schließlich darin, dass während der Konfiguration des ersten Maschinenprogramms zuerst der Begriff des »Computers« selbst von rechnenden Frauenhänden auf die transklassische Maschine übertragen wurde, mit der Ausführung desselben Programms aber hernach nichts weniger als die Fusionierbarkeit von Wasserstoff bewiesen war. Sicher, die Fragilität des Seins und unseres Geschicks sind hinlänglich bekannt, allein die Haltung unserer Kultur hat angesichts der technologischen Schrecken die tiefere Schönheit dieser Lage nicht realisiert.

Jetzt im „Jahr der Informatik”, das mit dem 60. Jahrestag dieser ursprünglich amerikanischen Kriegsmaschine [E]lectrical [N]umerical [I]ntegrator [A]nd [C]alculator zusammenfällt, scheint es an der Zeit, neben den historischen Fakten auch der kulturtechnischen Dimension des Computers ansichtig zu werden und die tiefe Geschichte der Programmierung mit der Frage nach der Freiheit des Poetischen und der Kunst zu konfrontieren. Denn die Schönheit der Weisen des Wissens liegen als Anspruch des Heiligen im Offenen der Technologie.

„Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken” Heiner Müller: Bilder, 1955

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